Selbstständigkeit - So läuft der Hase

18.09.2011 01:00 von Carsten Ruhr

Wenn man sich als Webentwickler selbstständig macht, tut man dies meistens mit einer gewissen Vorstellung, wie das Ganze laufen wird. Besonders, wenn man quasi bei Null anfängt. Doch irgendwie sieht es dann doch ganz anders aus...

  1. Ich bin awezumst übertoll. Meine erste Handlung - nach der Gewerbeanmeldung - wird sein, mir einen riesigen Briefkasten für die ganzen Aufträge zu kaufen.

    Das einzige, was dein Briefkasten beinhalten wird, sind Fragebögen vom Finanzamt und deine Mitgliedsschaftbescheinigung der IHK. Investier lieber erstmal Zeit. Und zwar in die Suche nach einer Agentur, die Leute sucht. Das ist für dich noch der sicherste Weg regelmäßig an Aufträge zu gelangen. Natürlich vorausgesetzt du bist wirklich gut. Andernfalls hast du kaum eine Chance an lukrative, vorzeigbare Aufträge ranzukommen. Und nein, die Website für den Kegelverein von Onkel Klaus ist weder lukrativ noch Material für deine Referenzen.

     
  2. Geil! Arbeiten wann und wo ich will. Also erstmal ausschlafen, dann frühstücken, ab 14 Uhr gemütlich im Straßencafé ein paar Zeilen Code runterschreiben und dann Party machen.

    Sicher wird der Kunde gerne warten, bis du ausgeschlafen hast. Und natürlich ist ein Straßencafé der optimale Ort, um zu arbeiten...
    Unsinn! Mach dich darauf gefasst, dass das erste Telefonat eines Kunden, der morgens um 9 in sein Büro kommt an dich geht. Und zwar mit der Bitte "mal eben" was zu ändern. Und mit "mal eben" meint er die nächsten paar Stunden.
    Und wenn du dich zwischen kreischenden Kindern, meckernden Senioren und halbstarken Proleten auf die Arbeit konzentrieren kannst, kommt ein Café als Arbeitsplatz vielleicht in Frage. Ansonsten bleibst du mal schön zu Hause. Wenn du für eine Agentur arbeitest wollen die dich sowieso im Büro haben. Damit ist so halbwegs gewährleistet, dass du tatsächlich arbeitest.


  3. Ich werden nur Spaß haben. Schließlich kann ich das machen, was ich will.

    Kannst du. Oh Moment! Vergiss es! Du kannst das machen, was der Kunde will. Und der Kunde ist unangenehm. Der will immer Sachen, die du gar nicht gerne machst. Langweilig Fließbandarbeit, pixelgenaue Positionierungen auch im veraltetsten Browser und nicht zuletzt will er häufig auch noch das antiquierteste, aufgeblähteste und komplizierteste Content Management System, dass es gibt (Typo3).
    Wenn du Spaß haben willst, mach dein eigenes Projekt. Aber oh, wer zahlt das?

     
  4. In meiner Freizeit werde ich ein cooles, eigenes Projekt auf die Beine stellen und damit berühmt und reich werden.

    Hier gibt es zwei Szenarien für dich:
    1.) Du hättest genug Zeit. Leider fehlen dir aber irgendwie die coolen Ideen. Alles was du an einem Abend anfängst kommt dir am nächsten Tag furchtbar beschissen vor und wandert in den Mülleimer.
    2.) Du hast echt eine gute Idee, die dir seit Wochen im Kopf rumwandert. Zu blöd, dass deine Arbeitgeber dich grade mit langwieriger Arbeit zumüllen, die dir dein komplettes Leben auffrisst. In der Zwischenzeit hat übrigens ein Herr Zuckerberg die gleiche Idee, wie du gehabt. Was da raus kam hat er lapidar "Facebook" genannt. Gemein! Dabei war das doch deine Idee!


  5. Ich werde kaum wissen, was ich mit der ganzen Kohle machen werde, die ich verdiene. Bei meinen abgefahrenen Skills ist mir ein Höchstlohn sicher.

    Darf ich dich mit Hannes bekannt machen? Hannes ist Student und bewirbt sich grade auf den gleichen Auftrag wie du. Achja: Hannes darf leider nicht zu viel verdienen, weil noch bei der Familienversicherung mitversichert ist. Also macht er den geilen Auftrag in der gleichen Qualität für einen Stundenlohn von 15 €. Blöde Sache, oder?
    Du wirst leider grade am Anfang mit deinem Stundenlohn runtergehen müssen. Außerdem kommen viele "kannst du mal eben [...] das wird dann ja nichts kosten" - Anfragen. Da du am Anfang ja niemanden auf den Schlips treten willst, arbeitest du also auch ab und zu mal umsonst. 


Natürlich ist das ein klein wenig übertrieben. Aber bei allem Enthusiasmus sollte man sich vor Augen halten, dass es nicht ganz so einfach ist, sich selbstständig zu machen. Und schon gar nicht immer nur Spaß macht. Sollte man den Schritt dennoch wagen, heißt es durchhalten, hart arbeiten, Kontakte knüpfen und ab und zu ein Risiko eingehen.

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